Redende Steine

Diese beiden Fenster gehören zu einem ganz alten ausrangierten Bahnhof, an dem ich jeden Tag umsteige. Dort wohnt seit vielen Jahren ein bekannter Künstler mit seiner Frau, die daraus ein Schmuckstück gemacht haben. Wenn ich dort auf einer Bank sitze und auf meine Verbindung warte, dann denke ich oft daran, was wohl in dem Haus alles geschehen ist. Es waren vor Jahrzehnten auch Schlafunterfkünfte für Lokführer darinnen. Eine Gepäckaufgabe, ein Fahrkartenschalter, es ist ein riesiges Haus, was es wohl erzählen würde, wenn es denn könnte? Hat ein junger Lokführer dort nächtens mit Liebeskummer gelegen? Haben im Krieg dort Menschen Schutz gesucht? Ist dort eine Frau abgefahren in der Gewissheit, nie mehr zurück zu kehren? Hat dort eine Schulklasse ihre Klassenfahrt begonnen und sind die Kinder aufgeregt dort eingestiegen in Erwartung der Fülle des Lebens außerhalb ihrer vertrauten Umgebung? Hat eine Mutter ihren Sohn dort an die Front verabschiedet und nicht gewusst, ob sie ihn je wieder sieht?

Wenn Steine erzählen könnten, gäbe es ein großes Schweigen auf dieser Welt, denn wir würden nur noch zuhören.

Das Hexenhäuschen

Der rechte Eingang ist mein Eingang. Und den zugewachsenden Vorgarten, den liebe ich. Zugegeben, ohne meine Nachbarin (linker Hauseingang) wäre er nicht so schön, weil sie mit ihrem grünen Daumen und vielen Pflanzen, die sie in meine Töpfe gepflanzt hat, doch maßgeblich zu allem beigetragen hat. Liebe Nachbarn sind was wunderbares! Unsere Straße war wirklich schon immer was besonderes, es ist eine alte Siedlerstraße. Wir hatten und haben immer schon eine gute Nachbarschaft. Viele Menschen dort kennen mich noch als kleines Kind, das ist ein schönes Gefühl von zu Hause. Für mich jedenfalls, das mag nicht jedem so gehen. Ganz früher standen dort 9 Häuser, es war ein alter Feldweg, noch mit Kieselsteinen. Morgens wurde eine Herde Schafe den Berg hochgetrieben, abends kamen sie wieder zurück. Ich habe am Zaun gestanden und mir das immer angeschaut. Da war ich noch ganz klein. Dann gab es den Berg hinauf noch eine Straße mit auch nicht viel mehr Häusern. Die alte Siedlung. So hat es angefangen. Nach dem Krieg. Dann wurden die Straßen asphaltiert, dann kamen neue Häuser hinzu. Fortgezogen ist kaum jemand, die Generationen haben gewechselt, aber geblieben sind sie im Grunde alle. Hier sind unsere Wurzeln. Wer möchte sich schon davon trennen? Ich nicht. Ich bleibe. Vor 15 Jahren habe ich zu einer Freudin gesagt, wenn ich von hier fortgehe, dann werden sie mich mit den Füßen zu erst aus meinem Haus tragen. Das hat mein Großvater auch gesagt, der im Wohnzimmer, in meiner jetzigen Wohnküche, gestorben ist.

Vielleicht ändere ich den Spruch ja noch ein wenig ab, weil ich mir mit meiner Schwester, wenn wir alt sind, ein Cottage an den Klippen Schottlands kaufen will. Mal sehen, was uns das Leben noch bringt.

Einstweilen arbeite ich daran, einen Garten hinter dem Haus zu bekommen, was noch viel Arbeit ist und viel Geld kostet. Doch das kriegen wir auch noch hin.

Lötkunst

Dies ist das kleinste Bürowerkelzimmer der Welt. Sage ich mal so.

Hier ist mein Lötplatz. Da löte ich Kunstwerke aus Computerschrott zusammen. Mein Traum ist ja mal eine Ausstellung mit Lötkunst, Fotos und Quilts, wobei nur das erstere von mir wäre. Ich muss die Frau mal fragen, die die letzten beiden Dinge macht, was sie davon hält.

Und das ist gegenüber vom Lötplatz. Das ist meine alte RS 6000, auf der AIX läuft, aber wer weiß schon, was das ist. Und ganz hinten ist der Monitor eines alten Siemens-Servers, ein 4/86er, damals ein ganz heißes Teil und teuer, auf dem läuft Windows 3.11 mit einem Modem, ich kann damit ins Internet. Mails verschicken. Wirklich. Kann ich. Läuft noch. Der wird nicht zerlötet, der nicht!!

Gesellenstücke

Mein Vater hat Modellbauschreiner gelernt, wahrscheinlich sagt das keinem mehr was. Seine Gesellenstücke standen jahrelang im Keller, er wollte sie fortwerfen, doch mir haben sie so gut gefallen, ich habe sie behalten. Nun habe ich im Rahmen meiner Krativitätssuche damit ein Stilleben gebastelt, oder wie heißt das? Stillleben? Wie auch immer, mir gefällt es. Und die Vasen, die gefallen mir auch.

Tante Ingelore

So sah mein Tante Ingelore, die Schwester meines Vaters, früher aus. Es muss so Ende der 40er Jahre gewesen sein. Vielleicht auch Anfang der 50er. Da ging es ihr schon etwas besser. Meine Tante ist nämlich gelähmt.

Sie war 9 Jahre alt, als sie an einer Knochenmarksvereiterung erkrankte, eine damals noch unheilbare Krankheit, da es kein Penicillin gab, jedenfalls nicht im Kriegsdeutschland. Und auch nicht für einen Vater, meinen Großvater, der sich beharrlich weigerte, in die NSDAP einzutreten.

Als man es dann schließlich doch besorgte, heimlich, war die Krankheit so weit fortgeschritten, dass man glaubte, ihr nicht mehr helfen zu können.

Mein Vater erzählte mir, dass Oma und Opa von ihrem letzten Geld eine Puppe kauften, die sich ihre sterbende Tochter so sehr wünschte. Diese Puppe muss es dann gewesen sein, die die letzten Reserven in ihrem geschundenen und von grausamen Operationen entstellten Körper mobilisierten. Entgegen jeder ärztlicher Logik überlebte sie. Allerdings gelähmt.

Es folgten Jahre im Krankenhaus, im Gipsbett liegend, wo man versuchte, das Knochenmark, was ihr rausgeschnitten wurde an Beinen und Armen, wieder zu regenerieren. Langsam konnte sie sich wieder bewegen, allerdings nur sehr eingeschränkt. Dann kam sie in Aachen in ein Krüppelheim, so hieß das damals. Am Ende konnte sie mühsam wieder laufen, allerdings konnte sie nie einen Fuß vor den anderen setzen, abwechselnd, wie man halt geht, denn die Hüfte war steif. Sie schob die Füße hintereinander immer über den Boden, der linke folgte immer dem rechten. Es war mühseelig, aber es ging. Dort hat sie überigends auch nähen gelernt, in dem Heim. Alle Mädchen dort waren ja behindert, einige zum Teil schwerst, und man lehrte sie nähen. Damit sie was „Sinnvolles“ taten. Meine Tante erzählte mir, dass eine Mitschülerin mit dem Mund Pailletten auf Abendkleider nähte. Die reiche Aachener Gesellschaft hat sich dort die Garderobe anfertigen lassen, für wenig Geld, als Zeichen ihrer Großzütigkeit. Aber das ist nun wirklich ein anderes Thema.

Meine Großeltern befürchteten nun immer, ihre Tochter käme alleine nicht zu Recht, zumal finanziell. So wollten sie ein Haus bauen, in dem ihre Tochter Zeit ihres Lebens wohnen kann. Opa und Oma haben sich wahrlich krumm gelegt, mein Vater hat mir erzählt, dass Oma am Mittagstisch oft sagte, ach komisch, ich habe heute gar keinen Hunger. Sie haben alles Geld gespart, um ihrer Tochter eine Bleibe zu sichern.

In dem Haus wohne ich heute. Es ist das schönste Haus auf der ganzen Welt! Hier bin ich groß geworden, hier habe ich mit meinen Großeltern gelebt, hier habe ich die schönsten Jahre meines Lebens verbracht, meine Kinderjahre.

Tante Ingelore gehörte immer dazu. Sie hatte ein Zimmer, das ich wunderschön fand, damals als kleines Mädchen. In der Mitte stand ein Tisch (den ich heute noch habe), an der Wand war ein Regal und darinnen ein Bild von Roy Black!! Sie hatte einen Plattenspieler, auf dem konnte ich meine einzige Schallplatte hören, Rotkäppchen. Dieses Möbel hatte auch einen Fernseher und da durfte ich Fury gucken.

Im Jahr 1982 verstarb mein Opa und Oma und Ingelore wohnten da alleine. Und als dann Oma starb, bin ich in das Haus gezogen und lebte also mit meiner Tante zusammen.

Das war recht lustig zuweilen, denn meine Tante ist eine lebenslustige Frau. Was das Schicksal ihr an Härten aufgebürdet hat, nie hat sie das Lachen verlernt. Und sie hat sich immer sorgsam geschminkt und hübsch gemacht. Sie hatte in der Küche einen Stuhl direkt am Fenster und konnte so am Dorfleben teilhaben. Es gab keinen Menschen hier, der meine Tante nicht kannte.

Das war auch noch mal eine sehr schöne Zeit dort, wir haben es uns wirklich gemütlich gemacht. Allerdings konnte meine Tante keine Veränderungen ertragen, jedenfalls sehr schlecht. Und so musste ich um jedes umzuhängende Bild hart kämpfen.

Mit den Jahren wurde sie dann immer kränker und älter und konnte am Ende leider nicht mehr ohne Pflege dort leben und kam in ein Altenheim. Mein Vater, ihr Bruder, der seinem Vater versprochen hatte, sich um seine Schwester zu kümmern, hat sie dort wirklich täglich besucht. Er ist mit dem Fahrrad hingefahren. Und wenn er nicht da war dann deshalb, weil er in Bahrain war. Sonst war er jeden Tag da.

Als meine Eltern fort ins Wendland zogen, haben sie meine Tante natürlich mitgenommen, dort ist im selben Ort ein Altenheim. Auch da ist mein Vater täglich. Meine Tante wird aber immer weniger, sie kann nicht mehr telefonieren, sie versteht gar nicht mehr, was der Hörer ist und manchmal versucht sie mit der Fernbedienung zu wählen.

Ich sehe sie nur noch sehr selten, es sind immerhin 450 km bis dort oben und all zu oft kann ich mir das nicht erlauben. Im August fahre ich aber wieder hin. Dann kommt auch meine Schwester aus Bahrain und wir sehen uns alle wieder.

Dean Martin

Er wäre heute, lasst mich rechnen, 89 Jahre geworden, hätte er durchaus erreichen können. Von ihm stammt jedenfalls der geniale Satz

Du bist nicht betrunken, solange du auf dem Boden liegen kannst ohne dich festzuhalten.

Warum ich den genial finde? Weil in diesem einen Satz das ganze Hollywood drin steckt. Ein Satz, der all das ausdrückt, was fehlt, wenn man zu viel hat von dem, was man nicht braucht.

Wirklich genial.

Was weg muss

Gestern, Feiertag (Fronleichnam: von althochdeutsch fron = Herr, liknam = Leib, kirchenlateinisch: corpus christi, offiziell Hochfest des Leibes und Blutes Christi) habe ich angefangen, den Balkon umzustellen, also schonmal alles so hinzustellen, wie es dann aussieht, wenn der morsche Teil abgerissen sein wird.

Wir bekommen von den Nachbarn ja noch Land dazu und dann mache ich einen großen Rasen dorthin, das wird wunderschön, und da kommt dann alles hin, was jetzt noch auf dem Balkn steht, Liegestuhl und so eine Holzgarnitur, zwei Bänke und ein Tisch, was man so in Bierzelten hat.

Jedenfalls gefällt mir der „kleine“ Balkon viel besser, das sieht alles viel gemütlicher aus. Mein Mann ist mit allem gar nicht einverstanden, er hasst Veränderungen. Da ist er wie meine Tante, mit der ich lange Jahre zusammen gelebt habe. Wenn ich ein Bild umgehangen habe, kriegte sie schon die Krise.

Krise hin, Krise her, der Balkon muss ab. Also der morsche Teil. Dieser Balkon hat, wie das ganze Haus, seine eigene Geschichte. Ganz ganz früher war er 2 qm groß. Zwei. Als Opa und Oma das Haus gebaut haben. Und mein Vater erzählte, wie sie an lauen Sommerabenden alle zusammen dort gehockt haben. Wie stolz sie waren, ein eigener Balkon! Der Garten war ca. 1000 qm groß und wo haben sie gehockt? Auf zwei Quadratmetern Balkon! Wie er und seine Kumpels dort Skat spielten. Auf 2 Quadratmetern!! Ging alles.

Tja und dann bin ich in das Haus gezogen. Oma lebte nicht mehr, Opa war schon lange tot. Und dann hat mein Vater mir einen „richtigen“ Balkon gebaut. Über die ganze Hausbreite und 4 Meter tief, also 8 x 4 = 32 qm. Recht groß. Das Haus meiner Eltern stand versetzt nebenan, und irgendwann war mir das Gerenne zu viel und ich schlug vor, lasst uns doch in Eure Hauswand eine Türe einbauen. Gesagt, getan, so hatte das Wohnzimmer meiner Eltern eine Balkontüre raus auf den Balkon.

Fortan fand das Sommerleben dort statt, und irgendwann kam mein Vater auf die Idee, noch ein Stückchen an den Balkon dran zu bauen, 4 x 4 Meter. Der Teil, der den ganzen Tag Sonne hat. Das Bild oben habe ich gemacht, als ich auf diesem Sonnenteil stand. Das wird alles bis zur Hauswand abgerissen.

Darauf freue ich mich wirklich sehr. Denn dann kommt der Müll von unten drunter weg und wir haben einen Rasen. Das ist noch viel Arbeit. Und da wir chonisch pleite sind, wird das auch seine Zeit dauern.

Und als ich gestern in dieser Ecke stand:

da fiel mir alles wieder ein und ich wurde sehr sehr traurig. Wir haben uns da so wohl gefühlt und es war eine wirklich schöne Zeit. Dann verliebte ich mich in meinen Mann und der Horror mit meinen Eltern begann.

Mutter hat das alles zerstört. Sie ist wahrlich eine „böse Schwiegermutter“, sie hat in ihrem Leben fast immer alle Bindungen am Ende zerbrochen, ob es auf der Arbeit war, im Freundeskreis, alles fing euphorisch an und endete meist im Desaster.

So auch hier. Meine Eltern sind dann weggezogen, hätten sie es nicht getan, wären wir gegangen. Mit großen Verlusten, denn das Haus gehörte damals noch meinen Eltern.

Nun ist es mein Eigentum und ich befreie mich von den morschen Teilen. Lustig, das ausgerechner der Teil morsch geworden ist, den meine Mutter in Beschlag genommen hatte.

Ich stand jedenfalls gestern in der Ecke und mich überkam Trauer. Trauer um all das Zerstörte, was nicht mehr repariert werden kann. Nur noch weg gemacht. Weg mit Schaden. Ich habe meinen Vater angerufen und ihm von der Trauer berichtet und gemeint, die wolle ich jetzt mit ihm teilen. Er wurde ganz still. Auch er weiß, wie seine Frau ist. Er hat sich nie dagegen gewehrt. Gerächt hat er sich. Gewehrt nie.

Sein Leben. Ich lebe hier mein Leben und dazu gehört die Trennung von morschen Balkonbrettern. Dazu gehört bald ein eigener Rasen, dazu gehört ein kleines hinzugewonnenes Grundstück. Es wird schön werden, das weiß ich. Hajo wird es auch schön finden, er hasst Veränderungen, aber er war hinterher immer froh. Original wie meine Tante! Mit der ich in der Wohnung hier unten lebte.

Aber das ist ein anderes Kapitel, davon erzähle ich vielleicht morgen.

Mein täglich Brot

Da sehen wir den Graphen eines Datendurchsatzes, was die elektronische Kommunikation sozusagen verbrät. Das Gerede zwischen den Maschinen. Und ich muss immer gucken, dass das auch ok ist, dass sie weder zu viel noch zu wenig und wenn, dann nichts falsches erzählen. Und tun sie es einmal doch, muss ich auch noch herausfinden, warum das so ist und möglichst schnell abstellen.

Das ist bei Menschen nicht anders, nur dass es da keine so schönen Schaubildchen gibt. Dafür spürt man dann ein Unbehagen, wenn nur noch „Datenschrott“ kommt. Und wenn die Kommunikation nicht mehr stimmt, merkt man es auch.