Akademie Mont Cenis


Da war ich die letzten Tage und es war mal wieder wunderbar. Wir haben das Thema Depression behandelt und einige unserer Fälle besprochen, Supervision eben. Klasse. Ich habe diesmal viel Raum bekommen in dem Seminar. Diese Wertschätzung hat mir ungeheuer gut getan. Diese Gruppe, wir haben vor 9 Jahren gemeinsam die Ausbildung zum Sozialen Ansprechpartner absolviert, ist ein sicherer Hort, in dem wir uns alle sehr geborgen fühlen.

Die Supervisorin ist eine Kindertherapeutin, die unsere Sichtweisen ungeheuer erweitert und uns bereichert. Ich bin RUNDUM zufrieden mit dem, was sich da für uns uns für mich getan hat.

Und ich habe verstanden, was es genau ist, was mir auf meiner neuen Arbeitsstelle so gut tut. Ich habe es so richtig verstanden. Es hat mit Wertschätzung zu tun. Ich werde auf meiner neuen Stelle wertgeschätzt. Das tut mir unendlich gut.

Ach und nochwas, ich habe eine tolle Frau kennen gelernt, im Internet. Mit der tausche ich mich grad aus. Sie wurde im Männerkörper geboren und beschreibt nun ihren Weg zu ihrem eigentlichen Ich. Das ist so toll zu lesen, so einfühlsam.

Sie hat mich auf die Idee gebracht, bei uns im Intranet auf den Seiten der SAP dies mal zu Thema zu machen. Ich freu mich auf diesen Austausch!!

meine Mutter

Meine Mutter ist dement. Vor einem Jahr haben wir bemerkt, dass sie, wie soll ich sagen, sie war nicht mehr wie sonst. Sie hat sich verändert, wurde vergesslich, wusste nicht mehr, wie man ein Hähnchen brät, damit fing es eigentlich an, dass ich es merkte. Dass etwas anders war. Dann wurde sie immer vergesslicher, kam mit ihrem Geld nicht mehr zurecht, also sie fand es nicht mehr. Eins kam zum anderen, nun kann sie nicht mehr kochen. Es geht einfach nicht mehr, sie weiß nicht mehr, wie es geht.

Einkaufen war ein großer Streitpunkt mit meinem Vater, sie kaufte und kaufe, vergaß einfach, dass sie schon 12 Putenschnitzel eingefroren hatte und kam mit weiteren Bergen davon an. Vater hat dann jedesmal die Krise gekriegt und sie fühlte sich missachtet. Das führte zu Streit. Nun hat Vater den Trick raus, er geht ja immer mit, alleine kann sie nicht mehr, obwohl sie das natürlich nicht einsieht. Sie packt den Einkaufswagen voll und Vater räumt es heimlich wieder aus. Sie merkt das nicht, weil sie vergisst, was sie reingetan hat.

Das muss ein skuriler Anblick sein, ein älteres Ehepaar im Supermarkt, sie packt den Wagen voll, er räumt es wieder aus. Aber es geht nicht anders. Mit der Sparkasse hat er gesprochen, die dürfen ihr ja nicht verwehren, Geld abzuheben, nur weil der Ehemann das sagt. Wäre ja noch schöner, aber sie rufen dann an, wenn sie wieder und wieder Geld abheben will. Er geht nun immer mit und auch da fühlt sie sich natürlich missachtet, aber sie hebt sonst immer wieder Geld ab, weil sie vergessen hat, dass sie schon da war. Zu Hause versteckt sie das Geld und vergisst es dann. Vater findet es zufällig sonstwo, damit hatte er große Probleme. Ich kann Mutter das Geld doch nicht wegnehmen, meinte er verzweifelt zu mir, es ist doch ihr Geld. Vater, brings einfach zurück auf die Bank. Das macht er jetzt.

Sie war früher so akkurat mit ihren Kleidern, alles musste farblich stimmen und es war sehr ausgesucht, was sie trug. Kein Fleckchen durfte dran sein. Nun zieht sie die Kleider oft linksrum an und wenn man es ihr sagt lacht sie nur. Auch ihre Sprache hat sich verändert, ich sage immer Kutschersprache dazu, derb. So, wie sie früher NIEMALS gesprochen hätte, absolut niemals.

Mein Vater war Zeit seines Lebens Leistungssportler und ist immer noch fit wie ein Turnschuh. Er kommt mit Mutters Veränderung sehr schwer klar, zumal sie sehr bissig werden kann, wenn etwas nicht so ist, wie sie es sich vorstellt. Wenn sie glaubt, er bevormunde sie, was er ja tut, tun muss, er kann sie ja unmöglich im Hemdchen auf die Straße lassen, so wie sie letztens eine Nachbarin besuchen wollte. Im Unterhemd!! Sie würde das auch nicht wollen, aber nun rastet sie aus, wenn er darauf besteht, dass sie sich was „richtiges“ anzieht. Sie tut es aber dann, doch der Haussegen hängt Stunden schief.

Der Verfall schreitet immer schneller voran. Jetzt bringt sie auch alle möglichen Erinnerungen durcheinander. Verknüpft erlebtes miteinander, was nichts miteinander zu tun hat.

Manchmal ist sie ganz klar und dann leidet sie sehr, weil sie natürlich auch merkt, dass etwas nicht stimmt. Sie führt das immer auf ihre überstandene Krebserkrankung zurück und wiederholt gebetsmühlenartig, dass der Arzt gesagt habe, es werde im Laufe der Zeit besser.

Es wird aber nicht besser. Es wird immer schlimmer.

Vater will es manchmal nicht glauben, verdrängt es, aber dann muss er es wieder brutal zur Kenntnis nehmen. Ich telefoniere oft mit ihm und erkläre ihm, wie er sich fühlen würde, wenn… er versteht das alles sehr gut. Lässt sich auf diese Gespräche ein. Das hätte ich von ihm so nicht vermutet, aber ihm helfen diese Erklärungen. Ich sage ihm auch ab und an, dass er damit rechnen muss, irgendwann den Alltag mit ihr nicht mehr leben zu können, irgendwann sich damit anfreunden muss, sie in ein Heim zu geben. Anfangs hat er das weit von sich gewiesen, jetzt hört er sich das immer öfter stumm an. Denn er merkt auch, wie belastend das ist.

Das ist es aber nicht alleine, die Belastung. Die könnte er tragen, nur wenn der Alltag nicht mehr funktioniert, d.h. wenn er sie keinen Augenblick mehr alleine lassen kann, dann muss er sich was überlegen. Noch kann er für Stunden das Haus verlassen, seine Fahrradtouren machen, einmal um den See. Oder mit den Hunden raus. Noch geht das. Einmal ist er allerdings mit dem Fahrrad zurück gekommen, da sah er schon von weitem dunklen Qualm aus dem Küchenfenster kommen. Sie hatte die Kartoffeln vergessen, die zu schwarzen Knubbeln mutierten und ohne Wasser auf dem Herd vor sich hindampften.

Er riss dann den Topf vom Herd und Mutter kam runter, sie hatte von allem nichts bemerkt und oben in ihrem Zimmer fern gesehen, was aber am schlimmsten war, sie wusste nicht mehr, dass sie Kartoffeln aufgesetzt hatte. Vater rief mich an und erzählte, sie habe ganz verzweifelt in der Küche gestanden und sich nicht mehr erinnern können.

Noch ist das nur ein Einzelfall, aber irgendwann kann er sie gar nicht mehr alleine lassen. Das ist ihm jetzt klar geworden. Und damit hadert er sehr.

Im Mai will er wie jedes Jahr mit seinen Kumpels für einige Tage weg fahren, ich werde wie letztes Jahr auch dann Mutter sitten. Weil alleine kann sie wirklich nicht mehr bleiben. Das war letztes Jahr auch sehr schön, ich habe sie bekocht, wir waren einkaufen, ich musste sie immer überreden, nicht so viel zu kaufen, das ging ganz gut, und sie hat es genossen. So werde ich es dieses Jahr wieder machen. Meine Nichte Mariam wird auch da sein und wir werden Oma dann verwöhnen. Und Opa hat ein paar Tage frei. Das muss auch sein, er muss da mal raus.

So sieht es aus mit meiner Mutter. Ich denke da oft drüber nach, sie war früher so aktiv, so voll Power, hat immer kreativ gearbeitet und war auch sehr erfolgreich. Das ist alles vorbei. Sie hat immer so gerne gequiltet, das macht sie immer noch, allerdings wird ihr Quilt nicht fertig, weil sie ihn immer wieder aufmachen muss, es klappt einfach nicht mehr, sie weiß nicht mehr, wie es geht. Aber das merkt sie nicht, das ist gut, sie sitzt dann Stunde um Stunde und näht und näht, alles schief und krumm, trennt es wieder auf und näht von vorne. Das nähen tut ihr gut, auch wenn es nicht mehr funktioniert.

Letztes Jahr hat sie mir zu Weihnachten einen Weihnachtsbaumquilt genäht. Der hängt bei mir im Büro, ich mag ihn sehr, auch er ist schief und so hätte sie früher NIE genäht, aber ich mag ihn sehr. Es ist der letzte Quilt, den sie noch fertig gekriegt hat.

Vor einiger Zeit lief ein Tatort, der Demenz zum Thema hatte. Wer das nicht kennt, kann diesen Tatort nicht wirklich verstehen. Ein Ehepaar wollte sich das Leben nehmen, sie war dement, beide litten darunter. Sie nahmen Gift. Und als sie ihr Gift nehmen wollte, klingelte die Enkelin. Und da hatte sie es vergessen, öffnete die Türe und hatte alles vergessen. Der Mann war tot und sie „fand“ ihn dann. Man könnte meinen, an den Haaren herbeigeholt. Aber das stimmt nicht, es ist das Vergessen, das augenblickliche Vergessen, was eben die Demenz ist.

So geht es Mutter ja auch, wenn sie den Einkaufswagen voll packt und Vater es wieder in die Regale räumt. Sie vergisst es. Augenblicklich. Sie holt Geld ab, versteckt es irgendwo und vergisst es. Sie hat nie Geld versteckt, nie. Vater sieht sie oft durchs Haus schleichen und Verstecke suchen. Er sammelt dann das Geld wieder ein und zahlt es auf ihr Konto. Was soll er auch tun? Wenn er zu ihr geht und ihr das Geld zeigt, dann weiß sie nicht, woher das ist. Weil sie es vergessen hat.

Ich finde das alles sehr sehr traurig. Meine Mutter ist dement. Aber es ist so. Es ist einfach so.