wendländische Notärzte sind auch echt nett

Ich bin aus dem Wendland zurück, ich wollte meiner Mutter Gesellschaft leisten, derweil mein Vater auf Tour war. Hat geklappt, hat echt geklappt, ich habe ihr ihren geliebten Blumenkohl zubereitet und schon kam der Notarzt. Naja, es war nicht alleine der Blumenkohl, er hat es nur an den Tag gebracht, nämlich dass sie schwer krank ist. Nun liegt sie im Krankenhaus und wird akribisch untersucht und war schon in der Röhre und was nicht noch alles. Genaues steht aber noch nicht fest, bald erfahren wir mehr.

Und ich bin erledigt, wirklich, Vater auch, wir alle, Mutter sowieso.

Hajo und ich machen uns jetzt Forelle in Alufolie. Mmmmh lecker. Und ein Weinchen, zur Entspannung. Das brauche ich jetzt!

Zehn Jahre

10 Jahre sind wir nun verheiratet und mein Mann hat heute zu mir gesagt, ich sei eine Kratzbürste, mit mir sei es nicht immer leicht. Nun, da hat er Recht. Er ist manchmal so verdammt altmodisch, aber das ist kein Wunder, ist er doch 17 Jahre älter als ich und ich merke oft, er ist wirklich eine ganz andere Generation, noch dazu ein Mann. Und ich lass mir nix gefallen, dann kracht das halt des öfteren. Aber abgesehen davon hat er nochmal Recht, ich bin wirklich oft eine furchtbare Kratzbürste.

Das ist meine Wirrhaari, die dann Panik verbreitet, ich habe mich in der Therapie mal so genannt, Wirrhaari, da sollte ich den Teil von mir benennen, der meiner dunklen Seite entspricht (ich kürze das jetzt arg ab, da gäbe es noch viel zu erzählen, aber ich habe keine Lust dazu, das wenige muss reichen). Er erträgt das alles, mit stoischer Ruhe, er ist halt wirklich der richtige Partner für mich.

Wir hatten es nicht immer leicht, damit meine ich jetzt nicht das miteinander sondern das Leben hier in dem Haus meiner Großeltern. Als meine Eltern noch nebenan wohnten, da war es wirklich schwer. Meine Mutter hat meinen Mann gehasst, sie war der Inbegriff der bösen Schwiegermutter. Sie mochte ihn nicht, was nicht mal das Schlimmste war, sondern dass sie so viele Lügenmärchen über ihn verbreitete.

Sie war so gemein und böse und darunter haben wir wirklich sehr gelitten. Bevor wir aus meinem geliebten Häuschen ausziehen wollten, da es wirklich nicht mehr ging, sind sie fortgezogen. 450 Kilometer weit weg. Das war gut. Sehr gut. Sie haben ihr Haus an wirklich liebe Menschen verkauft, unsere Nachbarn, mit denen wir uns echt gut verstehen. Die Nachbarn zur anderen Seite sind ebenso nett und nun leben wir hier wirklich friedlich beisammen.

Mittlerweile habe ich wieder ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern, soweit das möglich ist. Mein Vater hat eingesehen, dass seine Frau nur Mist gebaut hat, es tut ihm heute sehr leid. Und meine Mutter ist ja nun schwer krank gewesen und wird jetzt dement. Ich hege keinen Groll mehr, das habe ich alles in der Therapie aufgearbeitet. Was nicht heißt, dass ich heute alles gut finde, beileibe nicht. Ich habe noch oft die Phantasie, ich bin Kind und erschlage sie mit einem Hackebeil!! Wirklich, hört sich grausam an, aber es befreit mich ungeheuer. Das einfach mal denken zu dürfen, sie hat mir so zugesetzt, war so gemein zu mir, schon als ich noch ein kleines Kind war, und ich gönne mir oft die Phantasie, ich erschlage sie.

Ich weiß, meine Mutter hat ihre eigene grausame Geschichte, die ich ja nun kenne, ich weiß, es war ihre Art, mit ihrem Leben fertig zu werden. Sie hat ihre grausamen Anteile an mir ausgelebt, das, was man ihr angetan hat, hat sie ungefiltert an mich weitergegeben. Sie war 21, als ich geboren wurde, das bedeuete für sie zunächst das Ende aller Träume, das kleine Kind hat sie gebunden an eine Familie, mit den Schwiegereltern, die sie nicht mochten. Sie lebte mit besagten Schwiegereltern, deren behinderter erwachsener Tochter, ihrem Mann und mir auf 45 Quadratmeter. Unvorstellbar, aber so war es. Sie hatte Träume und wollte nach Amerika und als Übersetzerin arbeiten und hockte nun auf einem Dorf und musste sich mit einer ungeliebten Schwiegermutter, einem ständig abwesenden Mann und einem kleinen Kind abgeben. Ich glaube, sie hat mich dafür gehasst. Und sie hat es mich spüren lassen.

Sie hat trotzdem viel für mich getan, hört sich sicherlich skurril an, war aber so. Sie hatte zwei Seiten, eine, die mir alles mögliche Gute wollte, und eine, die mir alles kaputt machen wollte.

Heute kann ich sie als das annehmen, was sie ist: meine Mutter. Nun ist sie in einem mehr oder weniger erbärmlichen Zustand. Nächste Woche fahre ich zu ihr, Vater trifft sich wie jedes Jahr mit seinen Kumpels und sie kann aufgrund ihrer Demenz nicht mehr alleine bleiben. So habe ich Vater angeboten, ich sitte Mutter. Damit er mal raus kann. Ich mache das gerne. Auch das mag sich skurril anhören, ist aber wirklich wahr. Sie ist meine Mutter. Auch mein Mann hat seinen Frieden geschlossen. Sie haben zwar keinen Kontakt, die Gemeinheiten waren einfach zu groß, aber er hat damit abgeschlossen. Vielleicht auch, weil ich in all den Jahren unverbrüchlich zu ihm gestanden habe.

Da habe ich auch die Liebe meiner Schwester so richtig kennen gelernt, die ja weit weit weg wohnt. Als der Stress los ging und meine Eltern meine Schwester auf ihre Seite ziehen wollten, da hat sie ebenso unverbrüchlich zu mir gestanden. Auch die Kinder meiner Schwester haben immer zu uns gestanden, Oma und Opa haben ja nun nicht mit „Kritik“ gespart, aber sie haben sich ihr eigenes Bild gemacht und kommen uns heute ohne Probleme besuchen. Sie wissen um den Streit und sie tragen ihn nicht mit. Sie leben ihre Welt und das ist für uns natürlich wunderbar. Die älteste Tochter meiner Schwester studiert in London, sie ist eine ganz Weltoffene und hat uns schon oft besucht.

Alles in allem geht es uns hier gut, ich bin gerne mit diesem Mann verheiratet und er gerne mit mir. Das ist ein schönes Gefühl. Nun ist er krank geworden, kann nicht mehr so, wie er konnte, als ich ihn kennen lernte. Auch das war nicht leicht zu akzeptieren. Aber so ist es. In guten wie in schlechten Tagen.

Ich will keinen anderen Mann. Ich will ihn. Manchmal könnte ich in an die Wand tackern. Aber ich will ihn. Wir waren jetzt in Heidelberg, wo er seit seinem 8 Lebenjahr aufwuchs, er ist eigentlich Berliner, und haben dort das Haus seiner verstorbenen Mutter besichtigt. Die war noch einen Tacken grausamer zu ihren Kindern, da ist meine Mutter ein Waisenkind gegen, ehrlich. Es war verdammt nicht leicht für ihn, aber da kam uns unsere wirklich gute Ehe zu Hilfe, ich habe ihm viel abnehmen können. Und er hat sich auf mich verlassen können, so wie ich mich auf ihn verlassen kann.

Wir haben es gemeistert. Und am Ende wird vielleicht noch ein wenig Geld bei raus kommen. Jedenfalls kommen für Panta Rhei alte Stoffe aus den 50er Jahren bei raus, wenn das nichts ist!!