Bits und Bytes und Rehbeinchen

Vor 9 Jahren habe ich für die damalige Kreativ-Akademie von Beate Knappe einen Text geschrieben, ein kleines Gedanken-Rollenspiel, den habe ich heute wieder gefunden und möchte ihn Euch nicht vorenthalten, was ist das lange her!! Damals war ich noch in der Computerbranche aktiv, das ist ja bald schon gar nicht mehr wahr 😎

Gestern Abend habe ich eine sehr interessante Sendung über das Internet, über Viren und Würmer und die globale Bedrohung… über schreckliche Computerdinge gesehen. Gut gemacht, verdammt gut gemacht, natürlich sagte mir all das was, wusste ich, was der Mann meinte und was uns in der Zukunft erwartet. Ich habe mal mitgewirkt bei dem ganzen Kram…

…lange her, verdammt lang her… und ich habe noch ganz andere Dinge mit [K]omputern gemacht, was mir vielleicht sogar viel mehr Spaß machte… 😉

Und hier geht’s zum Gedankenrollenspiel mit Rehbeinchen ➤

Warum Babys strampeln müssen und ältere Menschen fälschlicher Weise meinen, sie verstünden Computer nicht!

Wenn ein Mensch auf die Welt kommt, ist er noch lange nicht fertig. Da es hier aber um Computer geht und keine Vorlesung in Entwicklungspsychologie ist, will ich mich auf das Strampeln beschränken. Denn das ist wichtig. Wichtig für das Verständnis von uns selbst und das richtige Unverständnis für den Computer.

Ja, es ist richtig, dieses Unverständnis. Doch der Reihe nach. Der Mensch kommt auf die Welt und so alles gut gegangen ist, hat er etwa 120 Milliarden Nervenzellen alleine im Gehirn, die reichen ihm auch aus und es kommen keine neuen hinzu. Was sich aber noch entwickeln muss, dass sind die Verknüpfungen dieser Zellen miteinander. Durch Sinneseindrücke, Erfahrungen und dem Austausch mit der Umwelt werden die ursprünglich lockeren Verbindungen verstärkt, es werden die so genannten Synapsen gebildet. Und genau darum strampelt ein Baby, weil dadurch die Synapsen sozusagen noch besser zusammen wachsen.

Lernen hat IMMER mit Bewegung zu tun. Wer hat es nicht schon selber von den Eltern oder Großeltern gehört „Kind, hampel doch nicht so rum!“ was die Erwachsenen zuweilen wirklich nervt ist für Kinder lebensnotwendig: Bewegung. Früher ging die Schule ja gar nicht auf diese Notwendigkeit ein, still sitzen war angesagt. Heute wissen die Pädagoginnen und Pädagogen zum Glück, was für ein Kind richtig ist.

So, zurück zum Thema Computer. Ich will ein kleines gedankliches Rollenspiel mit dir spielen. Stell dir vor, du bist das Rehbeinchen. Nun sag nicht, du kennst Rehbeinchen nicht! Zugegebener Maßen kein sehr emanzipatorisches Beispiel, aber ich habe DER KOMMISSAR mit Erik Ode als Kind so gerne gesehen und seine Sekretärin hieß Rehbein und nach der damaligen Definition von Frau war sie sein „Rehbeinchen“.

Um die damalige Zeit geht es mir, denn da gab es noch keine Computer. Da gab es alte Schreibmaschinen, die waren nicht mal elektrisch, da fiel das Tippen so richtig schwer. So, und nun das Rollenspiel, der Kommissar kommt herein und sagt „Rehbeinchen, schreiben sie sofort an den Staatsanwalt, ich brauche die Akte von dem Einbrecher Müllermeier und er soll sie mir bitte schicken! Rehbeinchen, nun machen sie schon!“

Und was macht Rehbeinchen? Spielen wir es im Kopf einmal durch. Sie unterbricht ihre Tätigkeit, Blumen gießen, geht zum Schreibtisch, setzt sich auf den Stuhl, bückt sich und holt aus der Schublade zwei Blatt Papier und ein Blaupapier, legt alles in  der richtigen Reihenfolge übereinander und dreht sich mit ihrem Bürostuhl herum, um bequem vor der Schreibmaschine zu sitzen. Sie spannt die Blätter ein und fängt an zu tippen. Datum und Aktenzeichen… ja, welches Aktenzeichen hat denn die Akte Müllermeier? Sie muss nachschauen. Also steht sie auf, geht in das Nachbarzimmer, dort stehen die Karteikästen mit den Namen und den dazugehörigen Aktenzeichen. Sie sucht die Schublade, in der sich die Karteikarten mit dem Anfangsbuchstaben M befinden, zieht sie auf, sucht nach Müllermeier, findet die Karteikarte, nimmt sich einen Zettel von Tisch in der Nähe, dort liegt auch ein Bleistift, sie schreibt das Aktenzeichen auf, steckt die Karteikarte zurück, schiebt die Schublade zu und geht wieder in ihr Büro. Dort setzt sie sich an den Schreibtisch, dreht sich zur Schreibmaschine herum und tippt das Aktenzeichen ein.

Es ist für Rehbeinchen ein Standardbrief, den sie schon hunderte Male in ihrer Funktion als Sekretärin von Kommissar Ode getippt hat. Der Brief ist fertig, sie zieht ihn aus der Maschine, nimmt das Blaupapier, legt es  in die Schublade und geht mit dem Brief, Original und Durchschrift, in das Zimmer ihres Chefs. Dort legt sie ihm das Original zur Unterschrift hin, der Kommissar unterschreibt es, während er telefoniert, sie geht rasch wieder an ihren Schreibtisch, holt einen Umschlag aus einer anderen Schublade, faltet den Brief zusammen, steckt ihn hinein, zeichnet die Durchschrift ab und vermerkt, wann  sie das Original in die Post gegeben hat und begibt sich mit dem verschlossenen Umschlag zur Poststelle.

Hast du dir das alles gut vorstellen können? Hast du Rehbeinchen vor dir gesehen, wie sie wieselflink durch ihr Büro läuft? Hast du gesehen, wie sie auf der für uns asbach uralten Schreibmaschine die schweren Tasten drückte? Was hast du gesehen?

Du hast gesehen, dass sie in ständiger Bewegung war. Um etwas zu erledigen, musste sie Dinge in die Hand nehmen, das Zimmer verlassen, mit einem Stift schreiben, irgendwas irgendwo hin bringen. Und alles irgendwo vermerken.

So, und nun kommen wir zurück in die heutige Zeit. Wir schreiben das Jahr 2007. Eine Zeit voller Computer. Kein Büro ist mehr ohne Computer, herumrennende Rehbeinchen gibt es schon lange nicht mehr, was wir nicht nur Alice Schwarzer zu verdanken haben. Heute sieht das ganze dann so aus, die Kommissarin geht zur Assistentin „Frau Bertram, könnten sie bitte die Akte Müllermeier von der Staatsanwaltschaft anfordern? Und bitte schnell, ich brauche sie dringend, danke!“ Und dann? Dann sehen wir Frau Bertram am Computer sitzen, wie hypnotisiert auf den Bildschirm schauen, dabei mit einer Hand eine Maus hin und her schieben, dann etwas tippen, wieder die Maus schieben, tippen, schieben, tippen … und unverwandt auf den Bildschirm schauen. Nach einer Weile wendet sie sich scheinbar urplötzlich  vom Computer ab, nimmt den Telefonhörer und ruft ihre Kollegin aus der Abteilung Organisiertes Verbrechen an, mit der sie Mittag essen gehen wollte.

Was also haben wir diesmal gesehen? Eine Frau, die sich während der Verrichtung der gleichen Arbeit wie von vor 40 Jahren die ganze Zeit kaum bewegt. Sie tut, was Rehbeinchen getan hat, aber man sieht es nicht. Man weiß es, aber man sieht es nicht.

Und genau das ist der Unterschied, auf den es ankommt. Wir älteren Menschen haben gelernt, dass alles mit Bewegung zusammen hängt. Unser Kopf funktioniert so. Bewegung ist Arbeit, Spaß, Freude, Wut, egal was auch immer, es hat mit Bewegung zu tun. Und wenn wir etwas neues lernen, dann hat auch das mit Bewegung zu tun. Unsere Synapsen funktionieren nur dann, wenn wir uns bewegen können. Egal wie, egal wo, egal wann. Und nun sollen wir  vielleicht älteren auf jeden Fall aber computerunerfahrenen Menschen lernen, mit dem Computer umzugehen. Wir sollen ihn begreifen, verstehen und benutzen lernen. Indem wir in den Monitor starren, ab und an mal die Hand mit der Maus bewegen und tippen. Wir sollen etwas fast ohne Bewegung lernen.

Weil wir gesunde Menschen sind können wir genau das NICHT.

Es hat also nichts mit unserem Alter zu tun, wenn wir den Computer nicht begreifen, es hat damit zu tun, das wir gesund sind und richtig funktionieren. Und der Computer eigentlich nicht in unser Leben passt, jedenfalls nicht so einfach.

Immer mehr Kinder leiden an Konzentrations- und Bewegungsstörungen, können bei der Schuleingangsuntersuchung zum Beispiel nicht mehr auf einem Bein stehen, nicht mehr rückwärts gehen, weil sie viel zu viel vor dem Fernseher sitzen oder dem Computer. Sie haben nicht die Möglichkeit, das Leben mit ausreichend Bewegung zu lernen, darum verkümmern die Synapsen bei ihnen, was im Erwachsenenalter zu ernsten Schwierigkeiten führt.

Fazit: wenn ein älterer Mensch Schwierigkeiten hat, den Computer zu begreifen, dann sollte er sich freuen, denn das ist ein Zeichen für Gesundheit!!

Autor: Gabi Schoek

It's only words and words are all I have to take your heard away. (Bee Gees)

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