Bestellung beim Universum đŸ˜‰

Es ist schon etliche Jahre her, da saßen mein mittlerweile verstorbener Mann und ich vor dem Fernseher und schauten eine Talkshow. Eine sympathische Frau erklĂ€rte dort Bestellungen beim Universum, wie das funktioniere und dass man damit wirklich Erfolg haben könne. Der Moderator fragte ausfĂŒhrlich nach, denn das hörte sich sehr ungewöhnlich an, doch sie vertrat ziemlich fröhlich und nicht weniger bestimmt die Ansicht, dies sei ein sicherer Weg, seine WĂŒnsche erfĂŒllt zu bekommen. 15 Jahre mag das jetzt her sein, meinem Mann, 2010 gestorben, ging es damals noch gut. Kurz danach fuhren wir jedenfalls ziemlich spontan mit dem Auto in die Pfalz, wir wollten ein paar Tage entspannen. Zu spontan, wie sich herausstellte, denn wir bekamen keine Unterkunft. Wir waren ĂŒberall, hĂ€tten fast jeden Preis bezahlt, Hotel, Pension, Privatzimmer, egal, aber es gab nichts. Und als wir reichlich verzweifelt auf einer Schnellstraße bereits wieder Richtung Heimat fuhren, ich saß am Steuer, da meinte ich zu ihm, weißt du was, ich bestelle jetzt ein Zimmer beim Universum. Wir lachten beide, aber ich öffnete das Fenster, der Fahrtwind zauselte an meinen Haaren, und sagte laut: liebes Universum, wir brauchen ein Zimmer, jetzt! Sieh zu, wie du das hinkriegst! Danach mussten wir lachen, doch wir erinnerten uns daran, dass diese Frau damals erklĂ€rte, man mĂŒsse das direkt und energisch formulieren, sonst funktioniere es nicht.

Ein Ortsschild kam immer nĂ€her, Lug, eine winzige pfĂ€lzer Gemeinde. Dort bog ich ab, doch auch da war ĂŒberall das Schild „Zimmer frei“ mit einem roten Balken versehen. Es war einfach nichts frei. Wir fuhren langsam durch die Hauptstraße, standen dort zwei Ă€ltere Damen, die eine mit SchĂŒrze, die andere mit Einkaufskorb, und tötterten miteinander. Ein letzter Versuch, sagte ich zu meinem Mann, wir hielten an und er fragte durch das geöffnete Autofenster, ob sie vielleicht wĂŒssten, wo es noch ein freies Zimmer gĂ€be. Die Frau mit der SchĂŒrze, auf einen Straßenbesen gestĂŒtzt, meinte in breitem PfĂ€lzer Dialekt aijoooo, bei uns kennet oin Zimmer hebbe und wir brachen in schallendes GelĂ€chter aus. Die Frauen blickten reichlich verwundert und mein Mann erklĂ€rte ihnen schnell, um die Stimmung nicht kippen zu lassen, was das mit dem Universum so auf sich habe und dass wir kurz vor dem Aufgeben gewesen seien. Nun lachten auch die beiden Frauen und fröhlich bezogen wir das Zimmer. Wir verbrachten eine wunderschöne Woche in der Pfalz.

Das hört sich alles nach einer glĂŒcklichen Zeit an, was er sicherlich auch war. Doch heute, im RĂŒckblick, frage ich mich, warum ich nicht habe sehen können, was da auf mich zu kam. Und was mich, nicht lange nach dem Tod meines Mannes, völlig aus der Bahn geworfen hat.

Ich wurde in einem kleinen Dorf im Rheinland geboren. Einer so genannten Siedlergemeinde. Nach dem Krieg wurden am Rande des kleinen, wenige Einwohner zĂ€hlenden Bauerndorfes zwei Feldwege mit Kies ausgelegt und dann HĂ€user gebaut, Familien zogen ein und es gab nichts außer das, was man beim Bauern kaufen konnte und was die großen GĂ€rten hergaben. Siedler eben. Dort hinein wurde ich also geboren, meine Eltern lebten mit mir und meinen Großeltern und der schwerbehinderten Schwester meines Vaters, meiner geliebten Tante, auf knapp 55 Quadratmetern, in Parterre, die erste Etage war vermietet. Ich schlief in der KĂŒche, dort wurde abends mein Gitterbettchen hineingerollt, es war sonst kein Platz. Opa und Oma schliefen im Wohnzimmer auf einem Klappbett, meine Eltern im Schlafzimmer, was mit seinen acht Quadratmetern eher einer Abstellkammer glich, meine Tante hatte auch ein eigenes Zimmer.

Ich war glĂŒcklich in dieser Familie auf dem Lande. Alle lebten mehr oder weniger so, mit mehr oder weniger Kindern, meist mehr, alle entweder als EigentĂŒmer in Parterre oder als Mieter in der ersten Etage, das waren dann die so genannten Aussiedler, alle aus Polen. DafĂŒr bekamen die Siedler verbilligte Wohnungsbaudarlehen. Zehn Jahre mussten sie vermieten, dann durfte man kĂŒndigen. Was meine Großeltern auch taten, damit meine Eltern mit mir dort einziehen konnten. Nur die Familien mit mehr als fĂŒnf Kindern durften das ganze Haus bewohnen.

Ich liebte das Leben in dieser Enge, die frĂŒher keine Enge war sondern zu den ĂŒblichen WohnverhĂ€ltnissen gehörte, ich liebte den polnischen Akzent, ich liebte die Geburtstage mit Sammeltassen, ich liebte die Sommer im Garten, die vielen Kinder, die Schafherde, die Morgens den Kiesweg hinauf und Abends wieder hinab getrieben wurde. Ich war Kind und liebte dieses Leben. Es gab keinen Fernseher und keine elektronischen Spielzeuge. Jedes Zimmer hatte einen Schalter fĂŒr die Lampe an der Decke und zwei Steckdosen. Eine fĂŒr eine Stehlampe und die andere fĂŒr das Radio. Mehr war nicht nötig. Im Winter gab es Eisblumen an den Fenstern und im Sommer Rhabarber aus dem Garten mit einem Becher Zucker, sonst schmeckte er zu bitter. Es gab Teiche mit Kaulquappen und vielen Stichlingen. Selbst geschlagene WeihnachtsbĂ€ume gab es und natĂŒrlich keinen Kindergarten. Wozu auch, wir spielten auf der Straße, es gab ja nicht mal Autos. Ich war ein fröhliches und glĂŒckliches Kind, besuchte die Schule, machte eine Beamtenausbildung und zog in eine weiter entfernt liegende Großstadt, in die ich nach der PrĂŒfung versetzt wurde. Meine Familie war stolz auf mich, die erste, die so eine qualifizierte Ausbildung gemacht hatte. Unser VerhĂ€ltnis war weiterhin sehr eng und als meine Großeltern dann nach und nach starben, fragte mich mein Vater, ob ich nicht in das alte Haus ziehen wolle. Meine Eltern hatten sich, ich war damals 12, direkt neben dem Großelternhaus ein eigenes Haus gebaut. So zog ich mit Anfang 30 in das Haus meiner frĂŒhesten Kindheit zurĂŒck, der glĂŒcklichsten Zeit meines Lebens, bekam eine gute Stelle in der NĂ€he und konnte glĂŒcklicher nicht sein. Damals war ich wieder Single und es ging mir wirklich gut. Ich dachte, so Ă€hnlich muss das Paradies sein. Dann lernte ich meinen Mann kennen und das Paradies schien sich zu komplettieren. Doch ich hatte die Rechnung ohne meine Familie gemacht. Dabei hĂ€tte ich es eigentlich wissen mĂŒssen.

In der Großstadt, in der ich vorher wohnte, war ich bereits einmal verheiratet gewesen, was leider nicht so wirklich funktionierte, wir ließen uns nach 5 Jahren scheiden und unsere Wege trennten sich, freundschaftlich, es passte halt einfach nicht. Meine Eltern mochten meinen Mann leider nicht, aber da wir weiter weg wohnten, spielte das fĂŒr mich keine große Rolle. Mein damaliger Mann hatte eh keine Lust auf Familie, wir hatten einen großen und sehr aktiven Freundeskreis, so vermisste ich nichts. Und dann zog ich also zurĂŒck.

Ich lernte meinen zweiten Mann in einem Technikforum kennen, wir arbeiteten beide in der IT. Ich suchte nach einer technischen Lösung und wir stießen per Zufall aufeinander. Daraus wurden eMails, dann Telefonate, dann Besuche
 und wir verliebten uns ineinander. Als es ernster wurde, freute ich mich schon, meinen Eltern nun meinen neuen Freund vorzustellen. Leider ging das grĂŒndlich schief. Wenn er ihnen nicht gefallen hĂ€tte, gut, das kann passieren, aber ihm schlug die geballte Ablehnung entgegen. Mutter redete schlecht ĂŒber meinen Mann, was mich sehr verletzte. Wo war nur meine intakte Familie hin? Warum habe ich diese andere Seite nie sehen wollen?

Mein Mann und ich verstanden beide diese harsche Reaktion meiner Eltern nicht, ich litt darunter sehr. Er versuchte zunĂ€chst gut Wetter zumachen, wie man so schön sagt, versuchte nett zu sein, aufmerksam, aber es war wie verhext, egal was er tat und sagte, alles wurde gegen ihn ausgelegt. Selbst mein Freundeskreis war verwundert, denn auch sie bekamen mit, dass ich nicht mehr so glĂŒcklich war wie zuvor. Mittlerweile wohnten wir zusammen, ich hoffte immer noch auf Besserung, aber daraus wurde nichts und so entschieden wir uns, in eine andere Stadt zu ziehen. Es kam jedoch ganz anders, meine Eltern verkauften ihr Haus und zogen ihrerseits fort.

Wir waren zunĂ€chst erleichtert. Doch zu der Erleichterung gesellte sich auch Trauer, dass ich meine Familie irgendwie verloren hatte, jedenfalls war sie nicht so, wie ich sie mir wĂŒnschte und wie ich sie immer gerne gesehen hatte. Die Familie meines Mannes existierte auch nicht mehr. Seine jĂŒngere Schwester lebte seit 40 Jahren in Amerika und zu seiner Mutter hatte er 30 Jahre keinen Kontakt mehr. Als wir uns kennen lernten, erzĂ€hlte er ziemlich traurig, dass sie ein Messi gewesen sei, worunter er und seine Schwester in ihrer Kindheit und Jugend sehr gelitten hĂ€tten. Als der Vater starb, hat er den Kontakt zur Mutter ganz abgebrochen, denn zu dem Messi-Dasein gesellten sich noch andere unschöne Dinge, wie verschwundene SparbĂŒcher und weitere kleinere und grĂ¶ĂŸere Unwahrheiten, wie mein Mann ziemlich betroffen erzĂ€hlte, doch beweisen konnte er nichts, es gab schon lange keine Unterlagen mehr. Nach dem Tode meines Mannes habe ich das erste Mal mit meiner mir damals noch unbekannten SchwĂ€gerin in Amerika telefoniert und sie bestĂ€tigte mir die vielen kleinen und grĂ¶ĂŸeren Grausamkeiten, die ihre Mutter an ihrem Bruder ausgelassen hatte. Sie wollte nicht konkret werden, sagte aber, die Mutter habe sich schuldig gemacht an ihrem Bruder. Mich entsetzte das sehr und mein Mann tat mir im nachhinein noch furchtbar leid.

Wir dachten jedenfalls, jetzt, wo meine Eltern fort gezogen sind, wird unser Leben viel leichter und schöner. Was auch stimmte, aber der Gesundheitszustand meines Mannes verschlechterte sich zusehends und immer mehr der Alltagslast blieb an mir hĂ€ngen. Das war ein schleichender Prozess, der ĂŒber Jahre dauerte, den ich darum nicht direkt bemerkte, nur an meiner wachsenden Überlastung, deren ganzes Ausmaß ich leider auch viel zu spĂ€t wahr nahm, wurde deutlich, da stimmt was nicht. Mein Mann wurde immer krĂ€nker, auch regelmĂ€ĂŸige Besuche beim Lungenfacharzt brachten keine Erleichterung. Die Medikamente halfen, aber immer nur kurzfristig. Als mir und auch den Ärzten klar war, dass da mehr ist als eine Lungenkrankheit, war es schon zu spĂ€t. Zu tief hatte er sich in die Dunkelheit begeben, er war fĂŒr kaum noch was zu begeistern, schwere Gedanken quĂ€lten ihn. Dann kam ein Brief einer Anwaltskanzlei, seine Mutter, bald 90 Jahre alt, wolle ihm sein Erbanteil seines lange verstorbenen Vaters abkaufen. Er fiel aus allen Wolken, denn er wusste nichts von einem Erbanteil und seine Mutter war fast 90! Was sollte das alles fĂŒr einen Sinn haben? Wir ĂŒbergaben darum alles einer Anwaltskanzlei und die deckte auch recht bald einen weiteren Versuch der Mutter auf, ihren Sohn zu ĂŒbervorteilen. Ihn wunderte es nicht, ich hingegen konnte es kaum glauben. Aber es bestĂ€tigten sich die Geschichten, die mein Mann mir von der unbekannten Schwiegermutter erzĂ€hlt hatte.

Zu dieser Zeit der rechtlichen Auseinandersetzung mit seiner Mutter bemerkte ich eine Änderung an ihm, aber erst viel viel spĂ€ter ist mir klar geworden, dass da sein Abstieg in die depressive Unterwelt begann. Eine Einigung mit den AnwĂ€lten war noch in weiter Ferne, da starb seine Mutter und das ganze Ausmaß der „BetrĂŒgerei“ kam ans Tageslicht. Es war juristisch gesehen kein Betrug, aber menschlich war es eine regelrechte Niedertracht. Im Laufe der Monate, die es dauerte, bis mein Mann seinen Pflichtteil bekam, offenbarten sich immer mehr Gemeinheiten. Mein Mann versank nach dem Tod seiner Mutter immer tiefer. Wir mussten sein Elternhaus besuchen, was sie einem fremden Mann vererbt hatte, um einige GegenstĂ€nde in Empfang zu nehmen. Durch den ihm zustehenden Pflichtteil bekam er jedoch genug von dem Erbe und es war auch gut so, dass er das Haus nicht selber geerbt hatte: ich betrat das erste Mal in meinem Leben eine Messi-Wohnung und mir verschlug es die Sprache. Das Haus war in einem entsetzlichen Zustand. Der Erbe hatte viele Spielsachen meines Mannes gefunden, versteckt im Keller, die sie ihm in der Kindheit, wie er mir dann weinend erzĂ€hlte, weggenommen hatte, angeblich verschenkt, so sagte sie ihm, weil er sie nicht mehr brauche. Es war, als wolle sie ihm noch aus ihrem Grab heraus Schaden zufĂŒgen.

Ich begriff das ganze Ausmaß dieser schrecklichen Familiensituation, die mein Mann hatte erleiden mĂŒssen. Er litt unsĂ€glich und rutschte immer tiefer in die Depression. Ich versuchte, so gut ich es vermochte, ihm zu helfen, aber ihm war nicht mehr zu helfen. Nach seinem Tod fanden wir Anzeichen, dass er sich offensichtlich das Leben nehmen wollte, doch eine Lungenembolie kam ihm zuvor. Er starb im Krankenwagen auf dem Weg in die Klinik.

FĂŒr mich brach eine Welt zusammen. Ich vermisste meinen Mann unendlich, auch wenn das Leben, der Alltag, mit ihm immer schwerer wurde, so liebte ich ihn doch. Und er liebte mich, was er auch immer wieder betonte. Ein Freund von mir erzĂ€hlte mir dann, dass mein Mann die letzten Monate schlimme AngstzustĂ€nde gehabt hĂ€tte, er habe mit ihm darĂŒber geredet, aber mir habe er nichts sagen wollen, um mich nicht noch mehr zu belasten. Ich wusste, dass es ihm nicht gut geht, ich merkte, wie schwer ihm alles fĂ€llt, aber er spielte mir vor, dass alles noch ertrĂ€glich sei, dass es bestimmt bald besser wĂŒrde, dass ich ihm vertrauen solle, doch seine Depression war zu schwer, zu tief war er schon in ihr versunken, als dass er einen Ausweg gesehen hĂ€tte.

Ich hielt mich tapfer aufrecht, fand in dem Haus noch viele Anzeichen seiner schweren Depression, rÀumte alles weg, ordnete im Nachhinein sein Leben und merkte, auch auf meiner Seele macht sich eine Last breit, die ich bald kaum noch tragen kann. Ich bin ein lebensfroher Mensch, schon immer gewesen, und so merkt man mir nicht an, wenn es mir schlecht geht. Aber jetzt ging es mir schlecht, schlechter als bisher. Mein Arzt schickte mich in eine psychosomatische Privatklinik, eine hocheffiziente Klinik, die auf Depression und Suchterkrankung spezialisiert ist. Bei mir wurde eine Belastungsrepression diagnostiziert und somit war ich dort gut aufgehoben.

Sechs Wochen war ich in dieser Klinik, tĂ€glich mehrfach Therapie, volle Tage, anstrengende Tage. Manchmal schwere Tage. Und manchmal sehr schwere Tage. Dort wurde mir auch gesagt, dass mein Mann so schwer erkrankt gewesen sei, dass ihm, wenn ĂŒberhaupt, nur noch ein Klinikaufenthalt hĂ€tte helfen können. Aber dass es jetzt um mich ging, dass ich mich viel zu oft viel zu lange immer nur um andere gekĂŒmmert hĂ€tte, dass das was mit meiner Familie zu tun habe, mit meiner Rolle dort, mit den ZusammenhĂ€ngen und dass ich das nur auflösen könne, wenn ich mir anschaute, was genau dort gewesen sei und wie es mich prĂ€gte.

Ich nahm den Kampf auf, ich sagte mir, das ist meine Chance, jetzt oder nie, ich werde offen sein, ich werde alles sagen, alles zulassen, ich werde mich allem stellen, ich will es wissen, ich will wieder glĂŒcklich werden. ICH will glĂŒcklich werden. Um meinet Willen!

Ich habe in den 6 Wochen von vielem Abschied genommen. Und ich habe gesehen, was meine Rolle in meiner Familie war und was mich in dieser Rolle so gefangen hielt, dass ich mich sogar dann nicht gewehrt habe, als meine Eltern mir und meinem Ehemann mit ihrem Verhalten das Leben schwer machten. Ich habe mich nicht geschĂŒtzt und ich habe begriffen, warum das so war. Und ich habe gelernt, dass ich nur dann glĂŒcklich werde, wenn ich mich endlich schĂŒtze. Wenn ich endlich fĂŒr mich einstehe.

Mit diesem Wissen und der Kraft, die ich wieder schöpfte, die ich in einer sich an den Klinikaufenthalt anschließenden wöchentlichen Therapie festigen wollte, kam ich nach Hause und ging wieder arbeiten, die Tage wurden heller, ich setzte mich immer mehr bei meinen Eltern durch, schwieg nicht mehr, kĂ€mpfte um mich, war mal erfolgreich, mal erlitt ich Niederlagen, aber ich stellte mich auch im Alltag meinen Problemen. Ich lebte mittlerweile in einer Hausgemeinschaft, was meine Eltern gar nicht gut fanden, aber ich sagte ihnen, dass das Dinge seien, die sie nichts angingen und ich konnte auch damit leben, dass sie sich distanzierten, wenn ich nicht so war, wie sie mich wollten.

Ich lebte immer selbstbestimmter und fĂŒhlte mich immer wohler.

Und erkrankte an Krebs.

Entgegen aller Vorhersagen erlitt ich keinen Schock. Ich war lediglich erstaunt. So seltsam es sich anhört, aber es war fast so als hĂ€tte eine Stimme in mir gesagt „da ist er ja, wo war er nur so lange“. Verstanden habe ich das nicht, aber es war so. Als ich den Knoten in meiner Brust fand, bin ich nicht panikartig zu meinem Frauenarzt, ich habe mir einen Termin geben lassen. Ich habe mich innerlich ganz ruhig darauf vorbereitet, was es bedeutet, wenn er mir nach den Untersuchungen sagt: sie haben Krebs.

Es folgten die ĂŒblichen Untersuchungen, es kam das histologische Ergebnis und mein Frauenarzt sagte, was ich bereits lange vorher „wusste“: sie haben Krebs. Da hatte ich nun den gleichen Krebs wie meine Mutter Jahre zuvor, Brustkrebs. Sie hatte ihn ĂŒberstanden. Ob ich ihn ĂŒberstehe, das wusste ich da ja noch nicht und auch wenn es sich seltsam anhört, aber danach habe ich nie gefragt. Ich wollte nie eine Prognose wissen, ich wollte nie ĂŒber Chancen reden. Ich wollte den Weg gehen, den ich nun gehen muss. Aufrecht wollte ich ihn gehen. Kein Gelaber. Keine diffusen Berechnungen. Keine Vorhersagen, sondern Operation, Chemo, Bestrahlung. Das und nichts anderes wĂŒrde jetzt mein Leben bestimmen.

Und noch etwas wollte ich: die Hilfe meiner Familie. Ich habe nur diese eine und jetzt haben sie die verdammte Pflicht, mir beizustehen. Das sagte ich ihnen, ich werde die Chemo in einem Krankenhaus in eurer NĂ€he machen, ich werde in dieser Zeit zu euch ziehen und ihr werdet fĂŒr mich da sein. So kam es. Nach der glĂŒcklicherweise erfolgreichen Operation, wo mir der Tumor und einige leider schon befallene Lymphknoten entfernt wurden, packte ich meine Sachen und zog zu meinen Eltern. Ich redete, wie ich es ja nun gelernt hatte, nicht mehr um den heißen Brei herum. Das war fĂŒr sie oft bestimmt nicht einfach, aber das war mir egal, fĂŒr mich war ihr Verhalten auch nicht immer einfach gewesen und jetzt war eben ich dran.

In dieser fĂŒr uns nicht leichten Zeit wurde bei meiner Mutter beginnender Alzheimer festgestellt, es war, als tĂ€te sich vor meiner Familie ein großes tiefes Loch auf. Schon lĂ€nger bemerkten wir alle, auch Mutter, dass etwas nicht stimmen kann, aber im Alter ist man ja auch manchmal durcheinander und vergisst viel. Doch das war mehr als durcheinander und vergessen. Es war Alzheimer.

So halfen wir uns alle gegenseitig, denn Mutter konnte bald nicht mehr alleine bleiben, aber ich war ja da. Vater und ich unterstĂŒtzten uns, so gut es ging und es ging gut. Wir waren fĂŒreinander da. Ich hatte endlich wieder eine Familie.

Die Bestrahlung machte ich dann wieder bei mir, mittlerweile hatten wir einen Pflegedienst organisiert, der Vater unterstĂŒtzte. Die Chemo zuvor hatte ich erstaunlich gut vertragen und so dachte ich, das geht nun so gut weiter
 doch die Bestrahlung war das schrecklichste, was ich bisher erlebt habe. Es war, als wĂŒrde man mich jedes mal ausknipsen, sobald auch nur ein Strahl auf meinen Körper traf. Manchmal schaffte ich es kaum bis ins Taxi. Das hĂ€lt bis heute an, es wird zwar weniger, aber ich bin oft wie ausgeknipst und dann geht von jetzt auf gleich gar nichts mehr.

Schon wĂ€hrend der Bestrahlung wuchsen meine Haare wieder, auch das war, entgegen jeder Vorhersage, fĂŒr mich kein Problem. Ich wusste, sie kommen wieder und eine haarlose Zeit ist nötig, um gegen den Krebs ĂŒberhaupt eine Chance zu haben. Ich habe mir auch keine PerĂŒcke gekauft, ich trug, es war zu der Zeit Winter, MĂŒtzen und Kappen oder auch mal einen kunstvollen Turban. Ich hatte Krebs und das konnte ruhig jeder sehen. Mir war das völlig egal. Warum weiß ich auch da nicht, aber es war so. UnterstĂŒtzung habe ich mir von Anfang an bei einer Psychoonkologin geholt. Ich habe gelernt, auf mich aufzupassen, auch dort!

Langsam ging es wieder aufwĂ€rts mit mir, mir ging es zusehends besser, meine Ärzte schöpften Hoffnung, dass ich es schaffen könnte, die Kontrolluntersuchungen waren gut, die Sonne lugte wieder hinter dem Berg hervor, ich war zufrieden und oft sogar glĂŒcklich. DafĂŒr ging es meiner Mutter immer schlechter, sie lebte nun völlig verwirrt in einem Pflegeheim, in dem Vater sie jeden Tag besuchte. Wir mussten damit rechnen, dass sie nicht mehr allzu lange leben wird und manchmal dachten wir, dass es vielleicht besser so ist. Alzheimer ist wirklich grausam. Anfang 2014 ist unsere Mutter im Beisein meines Vaters gestorben.

Ich lebte mittlerweile in meinem Haus alleine, ging wieder stundenweise arbeiten, richtete mich schön ein, fing wieder an, mein Leben zu genießen, besuchte oft meine Eltern und war mit meinem Leben zufrieden. Ich hatte mich wirklich um mich gekĂŒmmert, ich hatte an mich gedacht und fĂŒr mich gesorgt. Ich hatte es geschafft. MĂŒhsam habe ich es lernen mĂŒssen, aber ich war bei mir angekommen und ich konnte mich schĂŒtzen.

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dort habe ich ihn bestellt, den Mann 😎

Bis ich eines Tages in meinem kleinen BĂŒro saß, was ich mir in dem Zimmer eingerichtet hatte, in dem mein verstorbener Mann am Ende so verzweifelt war, mich umschaute, wirklich zufrieden war und dachte, was hĂ€ttest du jetzt noch gerne, gibt es etwas, was dich noch glĂŒcklicher machen könnte in deinem Leben?

Und ich dachte an eine zufriedene Partnerschaft, an beisammen sein ohne Stress, an Offenheit und Vertrauen, einander zuhören, fĂŒreinander da sein. An jemanden, der auch seinen Weg gegangen ist, wie ich, der sein Leben lieben gelernt hat, seine Macken kennt, fĂŒr sich kĂ€mpft und fĂŒr seine Familie. Ich dachte an einen Partner, der wirklich Partner sein will. Bloß wie? Wie lernt man “den Richtigen” kennen? Ich dachte mir, jetzt bin ich wieder dran, jetzt werde ich mich wieder um mich kĂŒmmern. Und mir fiel die Geschichte mit dem Universum ein und so saß ich da in dem Zimmer, schaute an die Decke und sagte, so energisch, wie ich konnte, liebes Universum, sieh zu, wie du es hinkriegst, aber ich möchte den Mann fĂŒr mein Leben kennen lernen, den Richtigen!!

Kaum hatte ich den Satz ausgesprochen, fiel mein Blick auf das Zeitmagazin, gibt es darin nicht auch Anzeigen


Das ist jetzt zweieinhalb Jahre her, ich habe eine Anzeige aufgegeben, sie begann mit den Worten: “Ich liebe mein Leben
” und dann habe ich ihn gefunden, DEN Mann fĂŒr mein Leben. Er hat mir geantwortet und es dauerte nicht lange, dann wussten wir, dass wir beide unsere Leben lieben und dass wir fĂŒreinander bestimmt sind. Seit zwei Jahren sind wir nun ein Paar und es geht uns miteinander gut. Wir haben beide keine leichte Zeit hinter uns, wir haben beide gelernt, fĂŒr uns einzustehen, und wir haben uns gefunden, weil wir unsere WĂŒnsche in uns selbst geachtet haben.

Tja, sie scheinen doch zu funktionieren, die Bestellungen beim Universum 😎

Autor: Gabi Schoek

It's only words and words are all I have to take your heard away. (Bee Gees)

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